Thomas Mann
Ihre Annäherung, dieses Streicheln seiner Wange mit dem nackten Arm, mochte der niedrig-zärtliche Ausdruck ihrer Empfänglichkeit gewesen sein. Die Unglückliche warnte den Verlangenden vor sich – ein Akt freier seelischer Erhebung über ihre physische Existenz, ein Akt der Liebe. Welches tief geheimste Verlangen nach dämonischer Empfängnis, nach einer tödlich entfesselnden chemischen Veränderung seiner Natur wirkte dahin, dass der Gewarnte die Warnung verschmähte?
(Doktor Faustus, Kapitel XIX)
Andrea Benedela
Esmeralda ist keine Verführerin – sie ist ein Portal. Ihr Körper bietet nicht nur Lust, sondern Wandlung: die freiwillige, bewusste Preisgabe an das, was zerstören wird. In ihr begegnet Adrian der Krankheit als Mythos, als Verwandlungskraft. Sie liebt ihn genug, um ihn zu warnen – und er liebt das Unbekannte genug, um die Warnung zu missachten.
Esmeralda ist damit mehr als Überträgerin der Syphilis: Sie ist alchemistisches Symbol, weibliches Echo des Paktes, das Versprechen auf eine Tiefe, die ohne Opfer nicht zu haben ist. Ihr Streicheln ist zugleich Erhebung und Abstieg. H-E-A-E-ES, die Tonfolge des Schmetterlings Hetaera Esmeralda, ein chiffrierter Hades, kein zufälliges Ornament, sondern eine Initiation – der Klang des Paktes.
Lucien Kael
Liebe hat ihn gewarnt, Verheißung ließ ihn den Pakt unterschreiben.